Gott näher kommen
Gedanken von Pastor Gersson Seiß, Vicelinkirchengemeinde Neumünster.
Gott näher kommen
Vor der Südwestküste Irlands, 12 km weit draußen in offener See, befinden sich die Skellig Islands – zwei massive Felsformationen, die seit 1996 zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. 1400 Jahre ist es her, seit eine Gruppe von Mönchen Skellig Island auswählte, um an diesem Ort Gott näher zu kommen.
Geht das? Eignet sich solch ein Ort in besonderer Weise zur vertieften Gotteserfahrung? Fragen können wir die Mönche heute nicht mehr.
Als ich in diesem Sommer die Gelegenheit hatte, Skellig Island zu besuchen, da war ich schon sehr beeindruckt von der Kargheit der Lebensbedingungen und von der eigentümlichen kleinen Klosteranlage mitten im Meer. Die Mönche hatten über Generationen hinweg eine Treppe von ca. 600 Stufen in den Fels gehauen und in luftiger Höhe etwa 200 Meter über dem Meeresspiegel ihr Kloster errichtet, das aus mehreren so genannten Bienenkorbhütten in traditionell irischer Trockenbauweise bestand und bis heute so erhalten geblieben ist.
Ob die Mönche seinerzeit fanden, was sie suchten: eine besondere Nähe zu Gott? Im räumlichen Sinn gewiss nicht, auch wenn die Menschen damals meinten, Skellig Islands bedeutete die äußerste Grenze der bekannten Welt und von daher vielleicht eine größere Nähe zu Gott.
Dennoch: Unter dem Eindruck der Elemente und dem ewig gleichen Meer, eingebunden in verbindliche Gemeinschaft und regelmäßige Kontemplation mag sich dann und wann schon ereignet haben, was die Mönche suchten: eine besondere Nähe zu Gott. Eine Nähe zu Gott in der Weise vielleicht, dass der Mensch im Angesicht Gottes zu sich selbst kommt und dabei seinen Platz und seine Bestimmung findet. Eins wird mit sich selbst, der wird, der er oder sie in Gottes Augen schon ist. Ruhe und Klarheit für die Seele.
Immer wieder werden in der Bibel solche Geschichten erzählt, Geschichten von Menschen, die auf einem Berg in völliger Abgeschiedenheit eine besondere Gotteserfahrung machten, die ihnen zum Segen wurde und die sie mitnehmen konnten auch in die Niederungen ihres Lebens.
Gottes Nähe zu suchen, das lohnt sich alle Mal auch heute, auch wenn sich solches Suchen in unserer lauten und umtriebigen Zeit gewiss schwieriger gestaltet als auf Skellig Island in mitten der Weite des Meeres.
Unsere Kirchen mögen ein Ort solchen Suchens sein – viele sind tagsüber geöffnet.



