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Siegel des Kirchenkreises Altholstein

 

 

Angedacht

Von Pastorin Martina Ulrich

Adventssehnsucht

"Oh Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf", so beginnt ein sehnsuchtsvoll drängendes Adventslied. Dramatisch ist die Melodie in meinen Ohren, etwas schräg und genauso, dass ich meine Hoffnung auf Veränderung unhaltbarer Zustände hineintragen kann. Damals dichtete es übrigens im ausgehenden Mittelalter ein Jesuit, der im Kampf gegen die fürchterliche Ausbreitung der Hexenprozesse um Gottes Beistand bat. Alle Verzweiflung über diese friedlose Welt, alle Traurigkeit über Lieblosigkeiten, alle Hilflosigkeit in so manchen Verstrickungen schwingen mit.

Wie sehr wünschte ich mir heute in unserer so sicheren und satten Lebensart, dass wir unsere Verlustängste loslassen könnten. Wo kämen wir hin, wenn wir uns einigeln, in der Meinung, nur auf diese Weise frei bleiben zu können? Zäune und Mauern reizen doch eher dazu eingerissen zu werden. In so vielen Ländern gehören sie zum Alltag. Wie frei leben wir!

Ich bin glücklich über die Entwicklung unserer Gesellschaft, in der so unterschiedliche Lebensentwürfe nebeneinander Platz haben und sich gegenseitig respektieren. Sind wir hier nicht auf einem Weg, der jeden Menschen als einzigartiges Geschöpf wahrnimmt? Und trotzdem spüre ich die Verletzlichkeit des Miteinanders. Die Sprache hat sich verhärtet. Wir sehen Pokergesichter nicht nur bei Politikern und Politikerinnen, bei denen persönliche Beleidigungen zum Alltag gehören. Worte wie Mobbing und Fake News erschüttern uns nicht mehr. Wie sehr wünschte ich mir einen anderen Umgangston im Ringen um wichtige Überzeugungen.

Wie sehr wünschte ich, dass wir bei allem Unverständnis für manche Anschauungen an der Freude über jedes gelingende Miteinander festhielten. "Oh Heiland, reiß die Himmel auf" wird für mich zum drängenden Gebet um Gottes gute Geistkraft in dieser verrückten Welt.