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Siegel des Kirchenkreises Altholstein

 

 

Kirchenkreis Altholstein

Jahrhundertalte Vereinsfahnen wiederentdeckt

15.01.2019 | Sie spiegeln ein Stück Neumünsteraner Stadtgeschichte wider: Verstaubt in einem Keller hat der Ev.-Luth. Kirchenkreis zwei Vereins-Fahnen vom Anfang des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt und restaurieren lassen. Außerdem ein mit Silberfäden besticktes, geheimnisvolles Tuch aus dem Jahr 1716. Rund 6000 Euro hat sich der Kirchenkreis Altholstein die Restaurierung dieser historisch wertvollen Quellen kosten lassen.

Sybille Radtke-Kaak, Stefan Block
Nach der Restaurierung lässt sich kaum noch erahnen, in welchem Zustand sich die Fahne des kirchlichen Blau-Kreuz-Vereines befand. Archivleiterin Sybille Radtke-Kaak und Propst Stefan Block sind stolz, ein Stück Stadtgeschichte in Händen zu halten.

Gammelige Stoffbahnen mit Mottenfraß

Mit Mundschutz, Handschuhen und Kittel durchstöberte Sybille Radtke-Kaak mit einer Kollegin einen Keller am Alten Kirchhof in Neumünster. Was die Leiterin des Altholsteiner Archives dort in zwei von Baustaub verdreckten Umzugskartons fand, hielt sie zunächst für wertlos. Gammelige Stoffbahnen, von Motten angefressen. "Wir dachten schon, wir müssten sie entsorgen", erinnert sich Radtke-Kaak. Doch bei Tageslicht und nach ersten Recherchen stellt sich heraus: Die beiden Archivmitarbeiterinnen waren auf einen Schatz aus Neumünsters Stadtgeschichte gestoßen.

Ein Leben in einfachsten Verhältnissen

Zwei große Fahnen sind darunter. Die eine ist reichverziert mit Lilien, einer Bibelszene und der Vicelinkirche bestickt. Die andere trägt das Neumünsteraner Wappen und von den Buchstaben sind in den vergangenen 100 Jahren schon einige verlustig gegangen. Um die Jahrhundertwende trugen sie die Mitglieder des Kirchlichen Jugendvereins und des Blau-Kreuz-Vereines als Banner stolz vor sich her, bei Aufzügen und Veranstaltungen in der Stadt. Es war die Zeit des industriellen Aufbruchs in Neumünster. "Viele junge Menschen strömten damals vom Land in die Stadt, um hier Arbeit zu suchen", weiß Propst Stefan Block. Gleichzeitig sei die soziale Situation in Neumünster schwierig gewesen, ein Leben mitunter in einfachsten Verhältnissen. "Die evangelische Kirche hat sich hier gekümmert, hat eigens ein Vereinsheim gebaut - das spätere Anschargemeindehaus - wo viele eine Heimat gefunden haben."

Geheimnisvolles Monogramm, ungeklärte Herkunft

Rätsel gibt das rote Tuch aus Wollstoff auf, das ebenfalls in einem der Kartons steckte. Mit versilbertem Garn ist ein verschnörkeltes Monogramm mit Krone eingestickt, dazu ein "ANNO 1716". "Dabei wurde die sogenannte Sprengtechnik verwendet, die von den Stickerinnen eine große Geschicklichkeit und besondere Fähigkeiten verlangte", erklärt Archivleiterin Radtke-Kaak. Als sie das Tuch entdeckte, war diese edle Handarbeit völlig schwarz geworden.

Die Lübecker Restauratorin Eva Kümmel befreite es mit Mikrosauger und speziellen Schwämmen vom Schmutz der Jahrhunderte. Geblieben sind jedoch mehrere Wachsflecken. "Deshalb vermuten wir, dass wir es hier mit einem Altarbehang, einem Antependium, zu tun haben, vielleicht aus der ehemaligen Bartholomäuskirche, dem Vorläufer der Vicelinkirche am Kleinflecken", sagt Radtke-Kaak. Doch möglicherweise ist das Tuch auch über Umwege in die Stadt gekommen, im Archiv des Kirchenkreises Altholstein sind keinerlei Aufzeichnungen vorhanden.

Ein Stück Stadtgeschichte

Propst Block ist gewiss, die 6000 Euro für die Restaurierung nicht umsonst ausgegeben zu haben: "Die Fahnen stammen aus einer entscheidenden Zeit in der Geschichte Neumünsters, aus der uns sonst wenig erhalten geblieben ist. Sie stehen für eine Stadt, die sich bis heute ihrer sozialen Verantwortung bewusst ist."

Die Fahnen können nach telefonischer Anmeldung (04321 / 8 52 92 63) jeden Dienstag, Mittwoch und Donnerstag im Archiv des Ev.-Luth. Kirchenkreises Altholstein am Kantplatz 7 in Neumünster besichtigt werden. Wo sie ihren endgültigen Standort finden werden, ist noch offen.

Hintergrund

Der Jugendverein ist im Oktober 1901 aus dem kirchlichen Jünglings- und Männerverein hervorgegangen. Einer zeitgenössischen Schrift zufolge strebte er die "Heranbildung einer frohen, körperlich leistungsfähigen, sittlich tüchtigen Jugend" an. Sie sollte erfüllt sein von "Gemeinsinn, Gottesfurcht, Heimat- und Vaterlandsliebe". Kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges zählte der Verein rund 60 Mitglieder. Bei ihren Treffen ging es selbstverständlich um die "religiöse Unterweisung". Nicht zu kurz kamen aber auch Ausflüge, Sport, Spiele oder Handarbeit wie Schnitzen. Sogar Stenografiekurse bot der kirchliche Jugendverein an. Künstlerisch ging es beim Malen und gemeinsamen Musizieren zu. Zum silbernen Regierungsjubiläum von Kaiser Wilhelm II. (1913) ließen die Mitglieder die Fahne anfertigen.

"Gegen Trunksucht hilft nur die volle Enthaltsamkeit", wusste man schon im November 1899 als unweit der Vicelinkirche der Blau-Kreuz-Verein gegründet wurde. Aus historischen Quellen geht hervor, dass der Alkoholismus in Neumünster ein ernsthaftes Problem darstellte und der Verein großen Zulauf hatte. Mehr als 120 Männer kamen zu seinen Versammlungen. Dabei ging es nicht nur darum, sich gegenseitig zum Durchhalten anzuspornen. "Oft müssen die Trinker in ihren Wohnungen aufgesucht, kontrolliert, ermahnt, ermutigt werden", heißt es in einem Buch über die kirchliche Gemeindearbeit in Neumünster aus dem Jahr 1915. Freundes- und Mitgliedsbeiträge legte man zusammen, damit 1905 die seidene Vereinsfahne geweiht werden konnte.