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Friedhöfe

Kieler Professoren auf der Spur

31.08.2018 | "Es ist cool, sich mal mit einer fremden Person so intensiv zu beschäftigen", sagt Studentin Anja Heberlein und lächelt. Zusammen mit elf weiteren angehenden Historikern hat sie das Leben ehemaliger Kieler Professoren durchleuchtet.

Studierende CAU
Studierende der Christian-Albrechts-Universität erzählen gemeinsam mit ihrer Dozentin Caroline Elisabeth Weber die Geschichten hinter den historischen Grabsteinen.

Ein Outdoorbuch - 28 Seiten - 13 Persönlichkeiten

Im 18. und 19. Jahrhundert weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, erinnern bislang nur Straßennamen an die Gelehrten. Dank der Studierenden können sich jetzt auch die Besucher des Kieler Parkfriedhofes Eichhof einen Einblick in ihre Biografien verschaffen. Denn in einem Kurs an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) haben die zwölf jungen Leute mit ihrer Dozentin Caroline Elisabeth Weber zwei Infotafeln und ein wetterfestes, 28-seitiges Outdoorbuch erarbeitet. Mit Bildern und Texten befinden sich diese seit heute in der Nähe der Friedhofskapelle auf dem Eichhof, wo auch die Grabsteine besagter Professoren beieinander stehen.

Eingewachsene Grabsteine, verwitterte Inschriften

Die historischen Grabsteine waren auch der Ausgangspunkt für die Recherchen der Studierenden. "Wir waren schon erstaunt, wie eingewachsen sie waren, einige Inschriften schon nicht mehr erkennbar", erinnert sich Flemming Holdorf. Schnell war klar: Die Studierenden wollten die Geschichte der Verstorbenen erzählen und sie so vor dem Vergessen bewahren. Doch wo anfangen, bei annähernd 60 Grabsteinen? "Wir haben uns für die Geschichten von elf Professoren und zwei weiteren Kieler Persönlichkeiten entschieden. Wichtig war natürlich auch, dass man an Daten und Material zu den Verstorbenen rankommt", erklärt Caroline Elisabeth Weber, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für Regionalgeschichte der CAU.

Baggesen ist unser Gold-Promi

Jeder ihrer Kursteilnehmer nahm sich daraufhin einen Gelehrten vor, Arne Suttkus sogar zwei. "Jens Baggesen und Karl Leonard Reinhold sind zusammen in einem Doppelgrab bestattet worden, in den 1820er Jahren", erklärt der Geschichtsstudent. Zu Lebzeiten eng befreundet, haben sie ihre Karrieren gegenseitig befördert. "Baggesen hat dafür gesorgt, dass sein Freund und Philosoph Reinhold einen Ruf an die Kieler Uni erhalten halt", weiß Suttkus, der dessen Briefe und Manuskripte ausgewertet hat. Später machte sich Reinhold wiederum für Baggesen stark, dem 1811 die erste Professur für Dänische Sprache und Literatur verliehen wurde. "Baggesen ist schon unser Gold-Promi", sagt Weber schmunzelnd. "Bis heute lesen ihn dänische Schulkinder, ähnlich wie bei uns Goethe oder Schiller. Mit seiner Professur wollte man die Zusammengehörigkeit des deutsch-dänischen Gesamtstaates stärken", fügt die Historikerin hinzu. Zu jener Zeit war Kiel Teil des Königreiches Dänemark.

Deutsch-Dänische Geschichte

An diesem Beispiel wird die Verbindung des studentischen Projektes zur Deutsch-Dänischen Gesellschaft deutlich. Der Kieler Verein hat mit rund 1000 Euro die Infotafeln und das Outdoorbuch finanziert. Unidozentin Weber ist gleichzeitig dessen Vorsitzende. Schließlich ist die Zeit zwischen 1780 und 1864, als die auf dem Eichhof portraitierten Gelehrten in Kiel wirkten, ein wichtiger Abschnitt für die Einheit von Dänemark, Schleswig und Holstein.

"Die Professoren waren für das gesellschaftliche Leben in Schleswig und Holstein von unglaublicher Bedeutung", greift Carolin Teschner einen weiteren Aspekt auf. Sie hat sich mit der Persönlichkeit Gustav Ferdinand Thaulow beschäftigt. "Er hat sich im Kieler Kunstverein engagiert, hat junge heimische Künstler unterstützt und letztlich geht auf ihn das Thaulow-Museum zurück", sagt Teschner. Die Sammlungen sind heute im Landesmuseum Schleswig zu sehen. Thaulow galt aber auch als Patriot und hat so wie die meisten seiner Kollegen die politische Stimmung im Land beeinflusst.

Die letzen Universalgelehrten

Professor zu sein war zu jener Zeit gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Engagement. Dieses vielfältige Wirken setzte sich an der Uni fort. "Das waren Universalgelehrte, die beispielsweise Physik, Mineralogie und Geschichte der Medizin gleichzeitig lehrten", stellt Flemming Holdorf fest und ist verwundert, wie schnell sie dennoch in Vergessenheit geraten konnten. "Wenn ich aber vor ihren Grabsteinen stehe, wird Geschichte richtig greifbar."

Was vom St.-Jürgen-Friedhof übrigblieb

Stichwort Grabsteine: Sie gehören zu den letzten Überbleibseln des Friedhofes St. Jürgen. Er befand sich am Sophienblatt in der Nähe des Kieler Hauptbahnhofes, wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und im Jahr 1955 schließlich dem Erdboden gleich gemacht. Über seine wechselvolle Geschichte informieren nun auf dem Eichhof zwei Tafeln, die ebenfalls von den Studierenden erarbeitet worden sind.

Der Parkfriedhof Eichhof ist einer der Nachfolger des St.-Jürgen-Friedhofes. Im Jahr 1900 eingeweiht, wird er heute vom Ev.-Luth. Kirchenkreis Altholstein getragen.