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Menschen aus dem Mittelmeer retten

23.08.2021 | "Die Bilder, die Sie jetzt sehen werden, sind sehr verstörend. Ein kaputtes Schlauchboot, auch tote, ertrunkene Menschen sind darunter", kündigt Claus Peter Reisch an. Wer nicht möchte, solle einen Moment lang nicht hinschauen.

Claus Peter Reisch
Mit Fotos und Videos illustrierte Claus Peter Reisch seinen Vortrag in der St. Nikolaikirche.

Als Seenotretter im Mittelmeer sind ihm diese Anblicke nicht erspart geblieben. In der Kieler St. Nikolaikirche schildert der Kapitän am vergangenen Sonntag (22.08.) in deutlichen Worten seine Erlebnisse, er spart nichts aus. Mehr als 30 Besucherinnen und Besucher sind nach einem eindrücklichen Gottesdienst zur Seenotrettung für seinen Vortrag geblieben. Reisch zeigt ihnen auf einer Leinwand Fotos und Videos, die auf seinen sieben Missionen im Rahmen der Aktion Lifeline entstanden sind.

Mit mehr als 100 Menschen ist er beispielsweise auf dem Schiff Eleonore durchs Mittelmeer geirrt. Sie sind aus ihren Heimatländern geflüchtet und wollten per Schlauchboot in ein besseres Leben fahren. Reisch und seine Crew bargen sie im letzten Moment aus dem seeuntüchtigen, sinkenden Gefährt. "An Bord war es dann so eng, dass man kaum durchkommen ist und fast unweigerlich jemandem auf die Finger getreten ist", beschreibt Reisch die Raumnot auf dem Rettungsschiff. Auf zwei Herdplatten hätte seine Mannschaft für alle gekocht. Doch sowohl Italien noch Malta weigerten sich, den Seenotrettungskreuzer Eleonore in einen Hafen einlaufen zu lassen. Drohten sogar mit Strafen. Doch dann zog nach zehn Tagen auf See ein schweres Unwetter auf. Reisch handelt: "Das war wie ein Weltuntergang. Deshalb habe ich den Notstand erklärt und die Menschen nach Sizilien in Sicherheit gebracht."

Dafür klagen ihn die italienischen Behörden an. Es ist nicht das erste Mal. Auch in Malta zitiert man den Seenotretter vor Gericht. Die Vorwürfe gegen ihn wirken wie an den Haaren herbeigezogen und erweisen sich als unhaltbar, schließlich wird Reisch freigesprochen.

An den Rettungsaktionen zweifelt der Kapitän deshalb nicht. "Diese Schlauchboote können die Fahrt über das Mittelmeer praktisch nicht überstehen", berichtet er den Gästen in der St. Nikolaikirche. Aus minderwertigem Material gemacht bezögen Schlepper sie via Internet aus China. Für die Fahrt statteten sie die Boote mit maximal 120 Liter Sprit aus. Viel zu wenig, sagt Reisch: "Ich habe mal ausgerechnet, dass man 500 Liter brauchen würde, um von Libyen aus nach Europa zu gelangen." Deshalb habe sich ihm auf seinen Rettungsaktionen immer das gleich Bild geboten: Menschen zusammengepfercht in einem Schlauchboot in ihren Exkrementen sitzend, mit zu wenig Wasser und ohne Schwimmwesten, denen der Untergang unmittelbar bevorstand.

"Wir müssen die Seenotrettungsaktionen überflüssig machen. Wir müssen an die Fluchtursachen ran", fordert der Kapitän, um das Sterben auf dem Mittelmeer zu beenden. Waffenexporte und der Klimawandel identifiziert er als Ursachen. "Aber natürlich sind ein Teil dieser Menschen Wirtschaftsflüchtlinge, weil durch unser Handeln die Wirtschaft in ihren Ländern kaputt geht", sagt Reisch. Es könne nicht sein, dass übers Meer geflüchtete Migranten schließlich in Südeuropa Tomaten ernteten, die in Dosen so billig in Afrika verkauft würden, dass die heimischen Bauern nicht mithalten könnten.

Nichts hält er davon, die Menschen dorthin zurück zu bringen, wo ihre Fahrt begonnen hat. Reisch hat erfahren: "Die Bedingungen in den Lagern in Libyen sind für Flüchtlinge katastrophal. Die Männer müssen wie Sklaven Zwangsarbeit leisten, und die Frauen drängt man zur Prostitution."

Hintergrund

Die Veranstaltung mit Kapitän Claus Peter Reisch in der Kieler St. Nikolaikirche geht auf die Initiative der Altholsteiner Flüchtlingsbeauftragten Susanne Danhier und Diakonin Silke Leng von der Ökumenischen Arbeitsstelle des Kirchenkreises zurück. Unterstützt hat sie dabei der Kirchliche Entwicklungsdienst der Nordkirche (KED).