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Reformationstag 2021

Predigt der Stadtpräsidentin

11.11.2021 | Zum Reformationstag 2021 stieg Stadtpräsidentin Anna-Katharina Schättiger auf die Bürgerkanzel der Anscharkirche Neumünster. Lesen Sie hier ihre Predigt im Wortlaut.

Anna Katharina Schättiger
Zum Reformationstag 2021 predigte Anna Katharina Schättiger auf der Bürgerkanzel der Anscharkirche.

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute das Fest der Reformation, dieses so bedeutende Ereignis für unsere evangelische Kirche und ich danke für die Möglichkeit, meine Gedanken zu diesem Thema hier einmal darlegen zu dürfen.

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen. Bei uns war Aufrichtigkeit, Treue und soziales Handeln stets von großer Bedeutung. Aber auch kritisches Denken wurde sehr gefördert und war nicht negativ, wie es heute oft gesehen wird. Ich habe gelernt, zu hinterfragen und damit komme ich auch zu der Bedeutung des Reformationstages für mich:

Zu meiner Schulzeit war es üblich, dass alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam in die Kirche gingen, um diesen für die evangelische Kirche so wichtigen Tag zu begehen.

Als Vorbereitung auf den Gottesdienst wurde die Bedeutung der Reformation erarbeitet. So wurde natürlich auch auf den Ablasshandel eingegangen. Für mich als junger Mensch war das damals unvorstellbar und unerklärlich - ich tue etwas Unrechtes, kaufe "ein Stück Papier" - die angeblich gute Handlung, und habe damit meine Schuld getilgt. Das widersprach den Werten, die ich im Elternhaus gelernt hatte. Daraus wurde auch meine Überzeugung für den Protestantismus.

Das Grundelement nach der Lehre Luthers ist sola gratia, allein durch die Gnade Gottes erlangt der Mensch das Heil bzw. das Ewige Leben. Sola scriptura, allein die Schrift ist die Grundlage des christlichen Glaubens und nicht die kirchliche Tradition.

Es ist meine feste Überzeugung, dass wir alle Halt suchen, in welcher Form auch immer. Menschen, die behaupten, ich glaube nicht an Gott, rufen in der Not "lieber Gotte hilf mir". Wenn mir Menschen sagen, ich glaube nicht an Gott, antworte ich stets: Glauben heißt nicht Wissen. Wissen sind Fakten. Diese Fakten kann niemand nennen. Aber ich glaube. Das bedeutet aber auch ein immer wieder kritisches Auseinandersetzen im positiven Sinne. Nur so kann und konnte ich für mich einen Weg finden.

Ich selbst war vor einigen Jahren in einer schwierigen Lebenslage und wusste eigentlich keinen Ausweg mehr. Etliche intensive Gespräche mit unserem Gemeindepastor haben mir dann viel Kraft gegeben. Kraft gegeben hat mir am Ende die Deutlichkeit des Pastors, jeder Mensch muss alleine mit Situationen fertig werden. Nur mit Gesprächen und "Einfach da sein" kann ich versuchen Menschen eine Stütze sein.

Jedem Menschen wünsche ich, dass er diesen einen Halt findet, diesen einen Halt, den wir alle brauchen um in sehr schwierigen, sehr belastenden Zeiten zu überleben und so manches Mal seelische Unterstützung zu bekommen. Ich erwarte auch in der heutigen Zeit eine kritische Auseinandersetzung wie sie vor 504 Jahren Martin Luther uns vorgelebt hat. Schönfärberei hilft am Ende niemandem.

Außerordentlich bedaure ich, dass der Gottesbezug aus der Landesverfassung herausgenommen wurde. Für mich bedeutet der Gottesbezug ein Bekenntnis zum Glauben - gleich welcher Religion.

Auch heute überprüfe ich meine Einstellung immer wieder und es gibt Dinge in den anderen Glaubensgemeinschaften, mit denen ich mich auf keinen Fall identifizieren kann. So ist der Umgang in der katholischen Kirche mit Frauen und mit den auch heute noch stattfindenden Schuldzuweisungen "Du hast gesündigt" nicht akzeptabel. Es kann für mich nicht gottgewollt sein, dass man auch heute noch Frauen anders betrachtet als Männer.

In der evangelischen Kirche heißt es: Gott ist gnädig. Gott liebt alle Menschen gleichermaßen. Moralische Verurteilungen stehen uns nach meiner Auffassung nicht zu.

Auch die Schlichtheit unserer Kirchen unterscheidet sich maßgeblich von anderen Religionen. Der Verzicht auf ablenkende Gestaltungen gibt mir die Möglichkeit einer inneren Einkehr.

Zum Judentum habe ich immer viele Fragen gehabt, aber bis heute nicht die Antworten gefunden, die die Geschichte erklären.

Aber welchen Herausforderungen muss sich die Kirche nun heute stellen?

Die Kirche muss sich modernisieren, um nicht zu viele Mitglieder zu verlieren. Kirche muss fröhlich sein mit moderner Musik und vor allem auch kritischen Predigten. Nur ein kritisches, nicht dogmatisches, Auseinandersetzen mit dem Denken junger Menschen wird vermeiden, dass die Kirchen immer mehr Mitglieder verlieren. Und die jungen Menschen sind da. Sie sind Suchende. Das beweist die große Anzahl der Teilnehmenden bei den evangelischen Kirchentagen.

In einer Selbstverständlichkeit nehmen die Menschen Trauungen und Taufen in der Kirche in Anspruch, verweigern aber den Beitritt mit der Begründung, sie wollen keine Steuern zahlen. Das wird die Aufgabe der Kirche in der Zukunft sein, den Menschen auch diese "Schieflage" zu verdeutlichen.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich auch die zunehmende Migration und Globalisierung. Dieser Änderung der Gesellschaft muss Rechnung getragen werden, eine wirklich schwere Aufgabe für die Zukunft. Hier komme ich noch einmal auf die Reformation - also dem Sinne nach Erneuerung, geistige Umgestaltung, zurück. Martin Luther hat einstmals das sicher als schier unmöglich angesehene in Gang gesetzt. Auch wenn wir es ihm sicherlich nicht gleich tun können und werden, sollte uns das ein Anreiz sein, uns für unsere Überzeugung einzusetzen.

Ich möchte an dieser Stelle Lucian Hölscher, zitieren, Dr. phil., geb. 1948, Professor em. für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

"Wir leben heute, darüber besteht kaum ein Dissens, in einer säkularen Gesellschaft. Aber was heißt das? Was ist die säkulare Gesellschaft? Viele verstehen darunter das liberale Verfassungsprinzip der Trennung von Kirche und Staat: Staatliche und kirchliche Organe sind getrennt, für den Staat spielt das religiöse Bekenntnis seiner Bürger keine Rolle, die Religion begründet nicht mehr wie in früheren Zeiten die Staatsraison.

An die Säkularität der Gesellschaft haben sich schon in der Vergangenheit viele Hoffnungen geknüpft: vor allem die, dass sich in ihr religiöse Konflikte zwischen verfeindeten religiösen Gruppen beilegen ließen. Das war die große Hoffnung der Liberalen und dann auch der Sozialisten im 19. Jahrhundert. Sie bezeichneten die Säkularität der Gesellschaft noch mit anderen Begriffen, etwa als "Kultur", "Gesittung", "Zivilisation", "Wissenschaft", "Rationalität", aber sie meinten damit in einem Punkt immer dasselbe: eine Reflexions- und Lebenssphäre, in der religiöse Dogmen und Gegensätze keine tragende Rolle für das Gemeinwesen spielen.

Der Einfluss der Reformatoren hat bedeutend dazu beigetragen, dass sich bis heute in vielen Teilen der Welt ein protestantisches Arbeitsethos durchgesetzt hat. Und nicht zuletzt dazu, dass wir Lohnarbeit heute als völlig selbstverständlich erachten."

Die Aussage von Professor Hölscher lässt sich auch auf unsere Stadt Neumünster anwenden. Eine Reflexions- und Lebenssphäre, in der religiöse Dogmen und Gegensätze keine tragende Rolle für das Gemeinwesen spielen. In unserer Stadt leben mehr als 120 Nationen und ich meine friedlich miteinander. Es gibt eine aktive katholische Kirche und eine große muslimische Gemeinschaft. Und wir alle leben friedlich nebeneinander als Gemeinschaft. Etliche ökumenische Veranstaltungen belegen dies eindrucksvoll und darauf bin ich als Bürgerin dieser Stadt sehr stolz.

Martin Luther sagte auf dem Wormser Reichstag am 17. April 1521 "hier stehe ich, ich kann nicht anders". Er wollte nichts widerrufen, "Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil gegen das Gewissen etwas zu tun, weder sicher noch heilsam ist." Natürlich kommt man im politischen Engagement immer wieder in die Situation, seinem Gewissen folgen zu wollen und es am Ende auch zu tun.

Und ich komme immer wieder in Situationen, in denen mir Menschen von ihren Schicksalen erzählen. Ich kann dann nur zuhören und hoffen, damit den Menschen zu helfen. Und ich kann sie ermutigen, den gleichen Weg zu gehen wie ich und das Gespräch zu suchen. Oder auch einfach die Stimmung in der Kirche wahrzunehmen.

Schließen möchte ich mit einem Bibelspruch Matthäus 16 Vers 26, den auch meine Kinder als Taufspruch erhalten haben und genau diese Worte hat auch der Sportpfarrer der EKD in Goldbuchstaben an die Wand der Kapelle im Berliner Olympia-Stadion schreiben lassen.

"Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" (Matthäus-Evangelium 16,26)

Amen.