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Siegel des Kirchenkreises Altholstein

 

 

Kirchenkreis Altholstein

Stadtradeln zwischen Vicelin, Anschar und Medina

10.05.2019 | "Was machen die denn da?" fragt ein Schuljunge an der Bushaltestelle in Neumünster-Gadeland staunend. "Wir machen ein große Radtour", erwidert Propst Stefan Block.

In der Nähe der Anscharkirche stand früher einmal das Haus des Totengräbers.
Unweit der Anscharkirche stand früher einmal das Totengräberhäuschen.

Gemeinsam mit fünfzehn Teilnehmer_innen ist er am Freitagvormittag zum Stadtradeln aufgebrochen. Friedhöfe in Neumünster gilt es dabei zu entdecken und der im Stadtteil Gadeland ist einer davon.

Von Ungläubigen getrennt

"Müslüman Mezarliḡi" steht auf einem großen Torbogen. "Das ist der muslimische Friedhof von Neumünster", übersetzt Propst Stefan Block. Der leitende Geistliche des Ev.-Luth. Kirchenkreises Altholstein hat die besondere Radtour vorbereitet und ist an diesem Vormittag quasi der Reiseleiter. "Warum gucken alle Gräber in dieselbe Richtung", fragt eine Teilnehmerin. "Warum ist dieses Feld so separat auf dem Friedhof angelegt", will ihr Nebenmann wissen.

Propst Block erklärt, dass Muslime strenggenommen nicht mit "Ungläubigen" zusammen beerdigt werden dürfen. Dann zeigt er auf eine Stehle inmitten der Gräber, auf der das Wort "Medina" steht: "Medina ist eine heilige Stadt für den Islam, weil sich dort das Grab des Propheten Mohammed befindet. Alle Toten sind in Richtung Südosten, also in Richtung dieser Stadt, beerdigt."

Eine Bleibe für den Totengräber

Teilnehmerin Frauke Sell hört aufmerksam zu. "Vom muslimischen Friedhof habe ich noch nie gehört. Überhaupt wusste ich gar nicht, dass es so viel Interessantes über Friedhöfe zu erzählen gibt."

Auch die Geschichte des Totengräberhäuschens ist für die meisten Mitradler_innen neu. In der Innenstadt Neumünsters - schräg gegenüber des Parkcenters - haben sie auf einem kleinen Platz angehalten. "Bis zum Bau der Anscharkirche stand an dieser Stelle ein eingeschossiges, schmales Gebäude", erläutert Propst Block und zeigt eine Abbildung in die Runde. Hier hatte der Totengräber seine Bleibe, direkt an seinem Arbeitsplatz. Denn, wo heute Kinder spielen und die Anwohner_innen den Park genießen, war bis zum Jahr 1890 der sogenannte Neue Friedhof von Neumünster.

Särge dreifach gestapelt

Warum neuer Friedhof? Weil sein Vorgänger da schon seit Jahrhunderten bestand. Wenige Pedaltritte weiter blicken die Teilnehmer_innen der Stadtradel-Tour über eine Wiese an der Vicelinkirche am Kleinflecken. "Von Vicelin im hohen Mittelalter bis zu Napoleons Zeiten war dies der einzige Ort in Neumünster, an dem die Toten begraben wurden", berichtet Propst Block. Doch die Stadt wuchs und der Raum wurde knapp. "Bis zu drei Särge hat man hier wegen dieser Platznot übereinander bestattet."

Schließlich und endlich entschieden sich die Neumünsteraner für eine großzügige Lösung: für den Nord- und den Südfriedhof an der Plöner Straße. Bedeutende Grabmäler zeugen dort von der Historie der Stadt: vom Aufstieg des Marktfleckens Neumünster zum boomenden Industriestandort zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dort endet auch die Radtour, die für Teilnehmerin Birte Plate weit mehr als eine Geschichtslektion war. Ihr Eindruck ist, dass für Trauer im Alltag häufig kein Platz bleibt und sie so zur Nebensache gerät: "Daher finde ich es wichtig, dass wir uns heute Orte angesehen haben, wo diese Trauer möglich ist und Menschen nicht einfach aus unserem Leben verschwinden."