9. November

von Pastorin Britta Timmermann, Klinikseelsorge UKSH


Novemberrevolution 1918. Hitlerputsch 1923. Reichspogromnacht 1938. Mauerfall 1989. Frieden, Entsetzen, Schuld, Freude. Der 9. November ist in Deutschland ein äußerst ambivalenter Tag.

Aber in diesem Jahr fühlt sich meine innere Ambivalenz noch ambivalenter an: Sind wir noch “ein Volk”?

Hoffentlich. Leben wirklich Menschen unter uns, die wieder Pogrome wollen? Allein den Gedanken finde ich unerträglich.

So geht es den meisten überzeugten Demokrat:innen in meinem Umfeld. Aber viele werden müde oder ziehen sich zurück, weil sie die derzeitige Situation als zu belastend empfinden. Ihre Stimmen fehlen mir. Die große jüdische philosophisch-politische Denkerin Hannah Arendt nannte das “Weltverlust”, wenn Interaktion und der Austausch zwischen Menschen verloren gehen. Sie erinnerte damit an den Dichter und Aufklärer Lessing, demzufolge “Welt” das ist, was zwischen Menschen entsteht. Bildung, Erkenntnis und Einsicht entwickeln sich in Begegnung, Austausch und Streit. Lessing hielt deshalb Uneinigkeit für einen guten Zustand: Menschen sollen im Gespräch bleiben und gemeinsam um Lösungen ringen. Das ist für mich ein Paradebeispiel demokratischer Haltung und gleichzeitig ein Plädoyer für den öffentlichen Raum, in dem sich all das ereignen kann.

Meine Ambivalenz bleibt. Aber mein Bekenntnis steht fest: zu universellen, unverbrüchlichen Menschenrechten. Zum Grundgesetz, das mit antifaschistischem Geist geschrieben wurde. Zur vielstimmigen und vielfältigen Demokratie. Und natürlich zum christlichen Glauben, der Fremde annimmt und nicht deportiert. Dieses Bekenntnis will ich immer neu ausloten, am liebsten mit anderen. Warum? Weil ich es kann. Noch. Und weil auch die kommenden Generationen es können sollen.