Bitte abblenden!
© Jürgen Schindler
von Pastor Henning Ernst, Leitung Telefonseelsorge
Als ich früher im Dunklen auf mein Fahrrad stieg und den Dynamo anlegte, fuhr ich meistens recht schnell, um genug Licht zu haben. Das Surren ist mir noch im Ohr. Heute werde ich selbst von haltenden Fahrrädern eher geblendet. Aber während das eher Sicherheit bringt, verunsichern mich Leute, die mich (nicht mit dem Fahrrad) mit ihrer Haltung blenden. Aufblenden, um wahrgenommen zu werden. Sich diesem Druck und Sog zu entziehen, ist nicht leicht, selbst innerhalb der Familie.
Ich kenne den großen Schmerz, nicht gesehen zu werden. Viele Menschen teilen ihn. Bei der Telefonseelsorge geht es uns darum, das innere Licht der Hilfesuchenden zu stärken: „Lassen Sie Ihr Licht leuchten. Lassen Sie nicht zu, dass es andere klein machen, klein reden. Lassen Sie sich nicht blenden vom Aufblenden anderer und setzen Sie sich nicht unter Druck, da mithalten zu müssen! Was braucht denn eigentlich Ihr inneres Licht?“ Hinter denen im Rampenlicht gibt es zu viele Menschen, die sich nicht helle genug fühlen und ihre eigene Ausstrahlung nicht wertschätzen oder die ihre eigene Leuchtkraft gar nicht kennen, weil sie nie leuchten konnte.
Immer, wenn ich abends auf meinem alten Rad fahre, trete ich so in die Pedalen, dass mein kleines Licht mir den Weg zeigt. Dann singe ich manchmal den alten Spiritual „This Little Light of Mine, I’m Gonna Let It Shine“.
