Dankbarkeit - wenn Kerzen Geschichte schreiben

Pastor Johannes Hacker

© Stefanie Rasmussen-Brodersen

von Pastor Johannes Hacker, Luther-Kirchengemeinde Neumünster


Herbst 1989. Ich war damals erst vier Jahre alt. Meine Erinnerungen sind blass. Aber ein Bild ist geblieben: Ich sehe mich mit meinem Vater in Schwerin, wie wir mit Kerzen schweigend um den Pfaffenteich gingen. Erst später begriff ich, dass ich eine Zeit des Wandels und der Wiedervereinigung miterlebt hatte.

Ein Satz aus dieser Zeit wird Horst Sindermann (Präsident der Volkskammer) zugeschrieben: „Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.“ Ob er ihn tatsächlich so gesagt hat, ist nicht eindeutig belegt. Doch die Friedliche Revolution zeigte die Kraft von Menschen, die Hoffnung teilten und sich nicht von Angst bestimmen ließen.

Heute dürfen wir dankbar zurückblicken: auf Menschen, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen; auf Kerzen und Gebete; und auf das Geschenk, dass die deutsche Wiedervereinigung friedlich möglich wurde.

Paulus sagt: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ (1Thess 5,18)

Dankbarkeit bedeutet nicht, dass alles im Leben gut sein muss. Aber sie hilft uns, auch mitten in den Herausforderungen das Gute zu sehen, das Gott uns schenkt. Manchmal ist es ganz klein: ein Mensch an unserer Seite, Kraft für den nächsten Schritt oder einfach das Wissen: Gott ist da. Vielleicht tut uns diese Haltung gerade heute gut. Vieles gibt Anlass zu Sorge, manches zu Kritik und politischer Frustration. Dankbarkeit lässt Probleme nicht verschwinden. Aber sie weitet unseren Blick: Neben allem, was uns fehlt, ist auch vieles da, was uns geschenkt und nicht selbstverständlich ist.

Wenn ich heute an die Kerzen am Pfaffenteich denke, bleibt mir vor allem eines: Dankbarkeit. Vielleicht beginnt dort neue Hoffnung – im Vertrauen darauf, dass Gott auch heute Geschichte schreiben kann.