Freiheit und Verantwortung

von Pröpstin Simone Pottmann


Der Mönch Martin Luther liebte seine Kirche. Und er litt an ihr. Im Glauben suchte er nach Trost und Seelenfrieden. Er stieß auf ein System, das von der Androhung ewiger Strafen geprägt war, von denen man sich freikaufen konnte. Als Einladung zur Diskussion schrieb Martin Luther 95 Thesen aufs Pergament und nagelte sie an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Bald gingen seine Thesen wie ein Lauffeuer durchs Land. Und es wurde diskutiert, in Hütten und Palästen.

Heute wäre Martin Luther vielleicht überrascht, wie diesseitig unser Leben geworden ist und dass seine drängende Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ scheinbar ihre Relevanz verloren hat.

Vertrauter ist uns die Rede von der Freiheit des Christenmenschen. Martin Luther hat betont, dass es keine Freiheit ist, die aus uns selbst kommt. Gott schenkt uns seine Gnade, die uns frei macht. So gehören Gnade und Freiheit untrennbar zueinander.

Das ist der Kern der reformatorischen Erkenntnis, die erstaunlich aktuell ist. Wo immer es heute um das freie Gewissen, die Wahrung der Freiheits- und Menschenrechte, den Kampf um Demokratie und soziale Verantwortung geht, benötigen wir ein Fundament. Dieses können wir in Gott finden. Gott schenkt uns seine Gnade und macht uns frei, mündig zu glauben und leben.

„Gut, dass Du da bist!“, sagen wir dem Neugeborenen in der Taufe. „Du bist einzig, wunderbar. Gott begleitet dich und will, dass dein Leben gelingt!“, sagen wir in der Konfirmation. „Gott schenkt dir Versöhnung und Neuanfang in jedem Gottesdienst, den wir miteinander feiern.“ Und am Ende des Weges sprechen wir von unserem Glauben an die Auferstehung.

Wir sehen das Leben im Licht Gottes. Das bedeutet nicht, dass wir alles wissen und alles besser können. Das heißt, dass Gott uns tröstet und frei gibt.