Freiheit - Wozu?
© Stefanie Rasmussen-Brodersen
von Pastorin Kerstin Otterstein, Trinitatisgemeinde Kiel
Ganz bald kommen die Kinder aus der Schule, pfeffern den Ranzen in die Ecke und jubeln: „Freiheit!“ Freiheit von jeglichem Zwang!
Ich freue mich mehr auf einen anderen Aspekt der Freiheit, der Freiheit „wozu?“. Klar, alles beginnt mit der Freiheit „wovon?“ Ich freue mich auf die Freiheit davon, dass jede/r hinter einem Bildschirm verschwindet, sobald es mal für ein paar Minuten nichts zu tun gibt, oder sobald es mal knirscht im Getriebe der Familie. Ich freue mich auf die Freiheit von all den alltäglichen Ablenkungsmechanismen, die verhindern, dass wir auch dann in Kontakt sind miteinander, wenn es mal nicht um die Aufteilung von Arbeit, das Überprüfen der Hausarbeiten oder das Anfeuern beim Sport geht. Ich empfinde es stärker als noch vor wenigen Jahren, dass wir so fremdbestimmt werden von vielen Dingen, dass die Frage, wovon ich frei sein möchte, bald wichtiger wird als die „wozu“-Frage. Vielleicht würde es in einer modernen Bibel heute heißen: „Im Internet surfen hat seine Zeit, das Internet abzuschalten hat seine Zeit. Sich hinter einen Bildschirm zu verziehen hat seine Zeit, sich den Menschen, die man liebt, ganz zu widmen, hat seine Zeit. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ – so wusste schon der Prediger des Alten Testaments (Prediger 3,1) - ich freue mich auf die Zeit der Freiheit „wovon?“ Und ich hoffe auf genug Freiheit „wovon“, um in aller Ruhe das „wozu“ mit meiner Familie und meinen Freunden zu entdecken.
