Glauben braucht mehr als Verstand
© Jürgen Schindler
von Pastorin Annbritt Menck, Kirchengemeinde Wasbek
Eine Redakteurin beschreibt in der Karwoche ihr Gefühl des Fremdseins in der Grabeskirche in Jerusalem. Menschen berühren dort ehrfürchtig eine Steinplatte – auf der Jesus historisch betrachtet wohl nie gelegen hat. Nicht die Fakten seien entscheidend, beobachtet sie, sondern das, was Menschen in diesen Ort hineinlegen.
Ich verstehe dieses Befremden. Wenn die eigene religiöse Sprache nicht unbedingt zu dem passt, was andere glauben und tun.
Die Erklärung liegt nahe: die Aufklärung. Sie hat uns gelehrt, zu hinterfragen, uns nicht vorschnell mit Überliefertem zufriedenzugeben. In diesen Tagen jährt sich der Geburtstag von Immanuel Kant, ihrem großen Denker. Für ihn war Religion vor allem eine Sache der Vernunft. Rituale und Gebete sah er kritisch. Gott als notwendige Idee für moralisches Handeln.
Ohne die Aufklärung würden wir heute wohl in autoritäreren Verhältnissen leben – politisch wie kirchlich. Dafür bin ich dankbar.
Und doch bleibt ein Widerspruch. Denn der Mensch ist nicht nur vernünftig, sondern auch fühlend. Er lebt nicht vom Denken allein. Kopf und Herz gehören zusammen.
In der Zeit der Aufklärung wurden sogar Liedtexte verändert, weil man nicht mehr vom „Aufgehen“ der Sonne singen wollte.
Konsequent – und doch geht dabei etwas verloren. Ähnlich ist es mit dem Beten. Viele haben es als Kind als Pflicht erlebt. Heute ist es oft verschwunden. Und ich frage mich: Fehlt da nicht etwas?
Wenn Glauben nur Denken und Moral ist, fehlt eine Dimension. Gebete können tragen – auch dann, wenn sie sich wiederholen oder nicht immer aus tiefstem Herzen kommen. Sie schaffen Raum für Vertrauen.
