Jesus weinte
© Jürgen Schindler
von Pastor Christian Kröger, Leiter Zentrum kirchlicher Dienste
Der Monatsspruch für März 2026 steht im Johannesevangelium und klingt beinahe unscheinbar: „Jesus weinte“. Zwei Worte, der kürzeste Vers in der Bibel.
In einer Zeit, in der Stärke oft mit Unverwundbarkeit oder Rücksichtslosigkeit verwechselt wird, wirkt dieser Satz wie ein leiser Widerspruch. Jesus, der Tröster, der Heiler, der Hoffnungsbringer, steht am Grab eines Freundes – und weint. Keine Rede. Kein Wunder. Tränen.
Mich berührt dieser Satz, weil er nichts erklärt. Er bewertet nicht, er vertröstet nicht, er sagt nicht: „Reiß dich zusammen, das wird schon werden“. Er bleibt erst einmal stehen bei dem, was ist. Bei Verlust, Schmerz, Ohnmacht.
Unsere Welt ist schnell geworden im Weitergehen, dabei gäbe es heute unendlich viel zu beweinen: Kriege, zerstörte Lebenswege, verhärtete Herzen und wo Empathie fehlt, wächst Gewalt.
Dieser Vers zeigt jedoch etwas anderes: Mitgefühl ohne Eile. Nähe ohne schnelle Lösung. „Jesus weinte“ heißt auch: Gott hält Tränen aus. Er steht nicht über dem Leid, sondern mitten darin. Das verändert den Blick auf unsere eigenen Tränen – und auf die der anderen. Vielleicht müssen wir nicht immer sofort helfen, erklären oder reparieren. Vielleicht reicht es manchmal, da zu sein.
Zwei Worte. Kein Trostpflaster. Aber eine Einladung: Menschlich zu bleiben. Mit offenen Augen. Und mit einem Herzen, das sich berühren lässt.
