Nur Raum, Licht und Stille
© Jürgen Schindler
von Pastor Jens Voß | Kompassgemeinde Kieler Förde
Manchmal sagt ein Raum mehr als viele Worte. Diese Erfahrung machte ich kürzlich im Kloster Fontenay in Burgund. Nur wenige Menschen hatten an diesem Morgen den Weg in die Abteikirche der Zisterzienser gefunden. So war ich fast allein in diesem Raum, durch dessen Fenster die Strahlen der Morgensonne noch etwas zaghaft auf die Säulen und Pfeiler fielen. Meine Augen wanderten von den schlichten Fliesen nach oben, folgten Linien und Bögen bis in das Gewölbe der Decke, das sich über mir ausspannte. Nichts lenkte den Blick ab: keine Bänke, keine barocken Epitaphien. Nur Raum, Licht und Stille.
Umso mehr überraschte mich eine Marienstatue in dem sonst so schmucklosen Raum. Die junge Mutter hatte den Blick zärtlich auf das Kind in ihrem Arm gerichtet, dessen kleine Hand Halt in den Falten ihres Gewandes gefunden hatte. Eine zutiefst menschliche Szene, die auf alle göttlichen Attribute verzichtete. Diese Maria lächelte mir einfach freundlich zu – ohne zu fragen, ob ich glaube und was ich glaube. Nur davon erzählte sie mir, wie es ist, gehalten zu sein und geliebt.
Als ich in den Kreuzgang hinaustrat, warf die Sonne schöne Bogenmuster auf den Gang, der den Garten umschloss. Ich spürte, wie dieser Ort mich ergriffen und diese Gewissheit in mir bestärkt hatte: Glauben ist weniger ein System von Überzeugungen als vielmehr ein Raum, in den ich eintrete, eine Stille, der ich mich öffne, und das Licht der Liebe, das sich in meinem Herzen spiegelt.
