Reden ist Silber - wirklich?
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von Pastor Wolfgang Miether | Vicelinkirche Neumünster
Im Norden halten wir uns viel zugute auf unsere Fähigkeit zu schweigen. Wer nicht viel redet, wirkt ruhig und ausgeglichen. Ich denke darüber inzwischen ganz anders. Gewiss gibt es wortkarge Menschen, die mit einem einzigen Wort oder einer Geste viel sagen können, und Schwätzer können furchtbar auf die Nerven gehen.
Aber seit Langem breitet sich ein Schweigen aus, das eher wie eine Krankheit wirkt: Man behält seine Meinung für sich, man sucht nur noch Menschen, die die eigene Meinung teilen; wenn es ein Problem gibt, spricht man nicht mit dem Menschen, mit dem man das Problem lösen könnte. Was man wissen will, erfährt man übers Internet, obwohl man weiß, dass es auch ein Sammelbecken für Lüge und Hetze ist.
Daneben erfahre ich täglich, dass wir die anderen Menschen vor allem dafür brauchen: dass wir mit ihnen sprechen können, dass sie uns zuhören, dass wir ihnen zuhören. Wir können uns mit sehr vielem selbst versorgen, wir können alles bestellen und ins Haus liefern lassen, wir können jede Dienstleistung delegieren, wenn wir Geld dafür haben. Gespräche können wir nicht kaufen, schon gar nicht, wenn wir uns mit Robotern oder künstlicher Intelligenz unterhalten wollten.
In Gesprächen kann Erstaunliches geschehen: Wir denken neue Gedanken und werden ein bisschen klüger, wir kommen einem anderen Menschen nahe, und im besten Fall werden wir ein wenig liebevoller.
In vielen Orten versuchen Menschen, ihre Mitbürgerinnen und Nachbarn zusammenzubringen, damit wir alle das Sprechen nicht verlernen. Dabei müssen wir uns nicht in allem einig sein, außer darin: Menschen dürfen nicht aufhören, miteinander zu reden. Und wenn man lange miteinander gesprochen, gelacht und friedlich gestritten hat, dann tut das Schweigen und Weiterdenken richtig gut.
