Schmerz: ein Gespür für das Leben
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von Pastor Wolfgang Miether | Vicelingemeinde Neumünster
Niemand sucht von sich aus den Schmerz, aber manchmal kommen wir nicht daran vorbei: wenn wir uns stoßen, wenn wir uns schneiden, wenn eine Operation nötig ist. Und wenn Menschen uns so nahekommen, dass wir ihren Schmerz spüren.
Wenn mein Kind krank ist, wenn mein Freund trauert, wenn meine alte Mutter immer schwächer wird, dann spüre ich, wie nahe wir uns sind. Das ist traurig, und seltsamerweise tut es auch gut. Ich spüre etwas mehr von mir selber: Ich möchte bei dem anderen bleiben.
Den eigenen Schmerz zu zeigen, ist riskant. Schwäche kann ausgenutzt werden, das macht es schwer, ehrlich zu sein. Aber wer mich akzeptiert oder gar liebt, wird mich mit meinem Schmerz nicht allein lassen. Das ist heilsam und gibt Kraft.
Schmerz ist ein Geheimnis: eine Schwäche, die Kraft freisetzt. Und dieses Geheimnis öffnet eine Tür zu Gott: Gott sucht Menschen, die auf ihn hören; er sucht Menschen, die barmherzig sind und ihr Herz für ihn und für ihre Nächsten öffnen, und er leidet, wenn er nicht gehört wird.
Der Weg Jesu ist solch ein Suchen. Er trifft auf Menschen, die Schmerzen erleben: weil sie krank sind, weil sie einsam sind, weil sie Schaden angerichtet haben und unter ihrer Strafe leiden. Jesus sucht ihre Nähe und macht sich mit ihrem Schmerz vertraut. Er heilt sie von ihren Schmerzen, aber er wird auch abgewiesen. Am Ende seines Lebens wird er gequält, verspottet und hingerichtet.
In dieser Geschichte öffnet Gott sein Herz. Das ist kaum vorstellbar, wenn wir uns Gott weit weg vorstellen: nicht in der Welt, im Himmel, hoch über uns. Aber wenn wir Gott zutrauen, an unserer Seite zu leben, dann können wir uns auch vorstellen, dass er unser Leben teilt. Und dann finden wir auch den Mut, Schmerzen zu teilen und sie gemeinsam zu tragen.
