Verschaff Recht, Gott!
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von Pastorin Inga von Gehren, Trinitatisgemeinde Kiel
Nie hätte ich gedacht, dass ich mal eine Zeitungsandacht schreiben würde über das „Gericht Gottes“.
Diese Gottesvorstellung fand ich immer einschüchternd – kein erbauliches Thema, um Menschenherzen zu ermutigen.
Das hat sich gründlich geändert. In einer Welt, in der Macht über Recht und Gesetze gestellt wird, ist mir die Vorstellung vom Gericht Gottes zur Hoffnung geworden. Wenn ein demokratisch gewählter Präsident sagt: „Ich brauche kein internationales Recht. Nur meine eigene Moral, mein eigener Verstand – das ist das Einzige, was mich stoppen kann“ dann klingt darin ein gefährlicher Gedanke: der oder die Einzelne entscheidet, was gilt. Es muss nicht klug sein, es muss nicht verantwortet werden, es muss nicht rechtens sein. Das finde ich wirklich einschüchternd!
Morgen ist der Sonntag Judika der Passionszeit, der seinen Namen vom Anfang des 43. Psalms hat: Verschaffe mir Recht, Gott. (Latein: Judika me deus.)
Es ist der Ruf eines Menschen, der Unrecht erlebt, aber keine menschliche Instanz mehr findet, die gerecht urteilt. Alle Instanzen sind ausgehöhlt, die Wahrheit verdreht, das Gesetz bietet keine Orientierung und keinen Schutz mehr. Willkür, Gewalt und Eigenmächtigkeit setzen sich durch.
In dieser Ohnmacht hält der Psalm dagegen und vertraut: Aber Gott übersieht das Unrecht nicht! Die sich von nichts stoppen lassen, werden von Gott zur Verantwortung gezogen und kommen nicht davon. Am Ende, ganz gewiss, wird Gott Recht verschaffen – für alle.
Diese Hoffnung möge hochmütige Alleinherrscher einschüchtern und eingeschüchterte Menschenherzen ermutigen.
