Verzerrte Lobgesänge
von Pastorin Simone Bremer, KG Vicelin, Neumünster
Lokalderby im Norden. Fußball. Aufgeheizte Stimmung. Die Fans jubeln. Hosianna. Heute werden wir gewinnen. Und endlich sind wir raus aus der Abstiegszone. Die Fußballer laufen ein, winken lächelnd. Der Schweiß, der Ihnen von der Stirn rinnt, lässt die Wachhunde knurren. Angstschweiß. Einer wird verlieren, das ist schon mal klar. Die Gesichter der Fans, der verlierenden Mannschaft verzerren sich. Aus Hosianna wird haut ab!
Die Soldaten ziehen in den Krieg. Ihre Frauen und Mütter stehen weinend am Gleis. Gerade noch wurde ihnen auf dem Weg zum Bahnhof zugejubelt. Fähnchen geschwenkt. Hosianna. Unser Land wird größer werden. Auch ihre Gesichter glänzen. Ist es Angstschweiß, sind es Tränen? Wie werden sie wiederkommen und werden sie überhaupt wiederkommen? Wird aus dem Hosianna vernichtendes schweigen, verzerrter Gesichter voll Hass?
Jesus zieht nach Jerusalem ein. Palmwedel werden von der Menge geschwenkt. Der ersehnte Retter kommt. Er wird uns befreien aus der Knechtschaft durch die Römer. Endlich Freiheit. Hosianna! Hosianna dem König David, singen sie. Loben sie Gott, oder rufen sie ihn um Hilfe an? Hosianna heißt auch: Herr, hilf!
Herr Hilf, befreie uns vor falschen Erwartungen. Befreie uns vom Größenwahn. Befreie uns von der Naivität. Wem heute zugejubelt wird, der kann morgen schon gekreuzigt werden.
Am Palmsonntag denken wir an Jesu Einzug, und wie leicht Erwartungen enttäuscht werden und die jubelnde Menge zur johlenden Meute werden kann. Auch dem hat Jesus sich ausgesetzt, ein Mensch, wie die Fußballerinnen, wie die Soldaten, wie die Politikerinnen, wie die Handballer.
