Nachbau des Fensters
© Jürgen Schindler
Das Tastbild gehört zu den besonderen Objekten der Ausstellung.

Blick aus dem Fenster

Ausstellung über ein symbolträchtiges Foto, das 1931 am Sophienblatt 60 in Kiel entstand

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Im Dezember 1931 drückt eine Frau den Auslöser ihrer Kamera. Im Vordergrund steht ein jüdischer Chanukka-Leuchter auf dem Fenstersims. Im Hintergrund ist ein Gebäude zu erkennen. Davor weht eine riesige Hakenkreuzfahne.

Rahel Posner ist Frau des Rabbiners und macht diese Aufnahme aus dem Fenster ihrer Wohnung im Sophienblatt 60 in Kiel - von der Stelle aus, wo sich heute die Kirchenkreisverwaltung Altholsteins befindet. Eine Ausstellung im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof spürt nun der Geschichte des Bildes nach. Ihr Titel: Kiel, Chanukka 1931. Rahel Posners Foto erzählt“.

„Es ist nicht ganz einfach, eine Ausstellung um ein Foto zu machen. Sie ist etwas experimentell, aber das Konzept geht hoffentlich auf“, wünscht sich Museumsleiterin Sonja Kinzler. Experimentell, damit meint die Historikerin unter anderem das Tastbild zum Foto. Aus verschiedenen Materialen ist das Fenster von damals nachgebaut: zum Anfassen, nicht nur für sehbehinderte Menschen. An einer Wand des Museums ist das Foto vergrößert vom Fußboden bis zur Decke zu sehen, davor hängen Kopfhörer. „Hallo, hier spricht das Bild! So ähnlich muss man sich das vorstellen“, erklärt Kinzler. Ein Audio geleitet die Besucher:innen durch das Bild und erklärt beispielsweise die Symbole, die darauf abgebildet sind.

Als Rahel Posner am 11. Juni 1933 Kiel verlässt, nimmt sie die Aufnahme mit. Über Antwerpen flüchtet die Familie des Rabbiners vor dem Terror der Nazis nach Palästina. Jahrzehnte später stellt Posner die Aufnahme für eine Sonderausstellung in Kiel zur Verfügung, zusammen mit 14 weiteren aus ihren Jahren in Kiel. In der Folge wird das Bild in Schulbüchern verwendet und in Zeitungen abgedruckt, schließlich im Internet verbreitet. Die Rezeption des Fotos dokumentiert ein weiterer Teil der Ausstellung im Stadtmuseum. Außerdem ordnet sie die Aufnahme in den historischen Kontext ein, berichtet etwa davon, wie Rabbiner Arthur Posner schon in den 1920er Jahren gegen Antisemitismus in Kiel ankämpfte.

„Die Erforschung der jüdischen Geschichte in Kiel ist etwas unterbelichtet, und wir wollen einen Schritt weitergehen“, sagt Museumsleiterin Kinzler. Entsprechend wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet: Vorträge, Führungen, ein sogenannter Actionbound für junge Leute, Tage der offenen Tür in den jüdischen Gemeinden und etliches mehr. Darüber hinaus erwägt Kinzler, die Chronik von Rabbiner Posner als kritische Edition zu veröffentlichen.

Die Ausstellung „Kiel, Chanukka 1931. Rahel Posners Foto erzählt“ ist vom 18. September 2022 bis zum 12. März 2023 zu sehen, im Stadtmuseum Warleberger Hof in der Dänischen Straße 19 in Kiel. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Jürgen Schindler,